Die Kündigung beginnt oft Monate vor dem Kündigungsschreiben
von Sander Concept
Eine Kündigung kommt für Praxisinhaber manchmal überraschend. Für den Mitarbeiter selbst ist die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt jedoch oft schon lange gefallen. Denn nur selten entsteht der Wunsch nach einem Arbeitsplatzwechsel von heute auf morgen. Häufig entwickelt sich Unzufriedenheit schrittweise - über Wochen oder sogar Monate.
Die eigentliche Kündigung ist dann nur noch der letzte Schritt.
Innere Kündigung beginnt häufig leise
Wer innerlich bereits Abstand zu seinem Arbeitsplatz gewonnen hat, fällt nicht unbedingt sofort auf. Der Mitarbeiter erscheint weiterhin pünktlich, die Aufgaben werden erledigt, im Alltag funktioniert zunächst alles scheinbar normal.
Und trotzdem kann sich etwas verändert haben. Vielleicht sinkt die Bereitschaft, zusätzliche Verantwortung zu übernehmen, vielleicht beteiligt sich die Mitarbeiterin weniger an Gesprächen, vielleicht kommen weniger Ideen oder jemand, der früher sehr engagiert war, erledigt plötzlich nur noch das Notwendigste.
Solche Veränderungen müssen nicht automatisch bedeuten, dass eine Kündigung bevorsteht. Sie können aber Hinweise darauf sein, dass etwas nicht mehr stimmt.
Kleine Probleme können sich über Monate summieren
Nicht immer ist es ein einzelnes großes Ereignis, das Mitarbeiter zum Wechsel bewegt. Oft sind es viele kleine Dinge. Ein Konflikt wird nicht geklärt, eine Fortbildungsanfrage bleibt unbeantwortet, Überstunden werden zur Normalität, Dienstpläne ändern sich ständig, gute Arbeit wird selbstverständlich, Feedback findet hauptsächlich statt, wenn etwas schiefgeht.
Jedes einzelne Ereignis mag überschaubar erscheinen. In der Summe entsteht jedoch ein Eindruck:
„Meine Situation wird sich hier wahrscheinlich nicht verändern.“
Und genau dieser Gedanke kann zum Ausgangspunkt für einen späteren Wechsel werden.
Wenn Engagement langsam nachlässt
Besonders aufmerksam sollten Praxisinhaber werden, wenn sich das Verhalten langjähriger oder bislang engagierter Mitarbeiter deutlich verändert.
Mögliche Signale können sein:
- weniger Eigeninitiative
- geringere Beteiligung an Teambesprechungen
- Rückzug aus dem Team
- auffällig häufige Unzufriedenheit
- sinkendes Interesse an Fortbildungen oder Entwicklung
- weniger Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen
- eine zunehmend distanzierte Haltung gegenüber der Praxis
Keines dieser Signale sollte isoliert überbewertet werden. Aber Veränderungen verdienen Aufmerksamkeit. Vor allem dann, wenn sie länger anhalten.
Mitarbeiter sprechen Probleme nicht immer von selbst an
Praxisinhaber gehen häufig davon aus, dass Mitarbeiter sich melden werden, wenn etwas nicht stimmt. Das passiert allerdings nicht immer. Manche vermeiden Konflikte, Andere haben bereits die Erfahrung gemacht, dass Beschwerden wenig verändern und wieder andere möchten erst dann über ihre Unzufriedenheit sprechen, wenn sie bereits eine Alternative gefunden haben.
Dann kommt das Gespräch möglicherweise erst mit dem Kündigungsschreiben. Regelmäßige Gespräche können deshalb helfen, Probleme früher sichtbar zu machen. Nicht als formales Pflichtprogramm, sondern als ehrliches Interesse daran, wie Mitarbeiter ihre Arbeitssituation erleben.
Mitarbeiterbindung beginnt mit Zuhören
Die entscheidenden Fragen müssen dabei nicht kompliziert sein.
Was läuft momentan gut?
Was erschwert die tägliche Arbeit?
Gibt es Aufgaben, die dauerhaft frustrieren?
Wo fehlt Unterstützung?
Welche Entwicklung wünscht sich der Mitarbeiter?
Was müsste sich verändern, damit die Arbeit langfristig attraktiv bleibt?
Solche Gespräche haben einen weiteren Vorteil: Sie vermitteln, dass die Perspektive des Mitarbeiters relevant ist.
Natürlich lässt sich nicht jeder Wunsch erfüllen. Aber schon die Erfahrung, gehört und ernst genommen zu werden, kann einen erheblichen Unterschied machen.
Auch gute Mitarbeiter verändern sich
Was für einen Mitarbeiter vor drei Jahren attraktiv war, muss heute nicht mehr genauso wichtig sein: Lebenssituationen ändern sich, Menschen entwickeln neue berufliche Ziele, Familie, Arbeitszeiten, Verantwortung oder Weiterbildungswünsche können plötzlich eine größere Rolle spielen.
Mitarbeiterbindung bedeutet deshalb nicht, einmal gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und das Thema anschließend abzuhaken. Sie ist ein fortlaufender Prozess.
Die beste Kündigungsprävention beginnt lange vor der Kündigung
Wenn ein Mitarbeiter bereits einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, sind die Einflussmöglichkeiten begrenzt. Ein höheres Gehalt oder ein kurzfristiges Gegenangebot löst dann häufig nicht mehr die Ursachen, die zum Wechsel geführt haben. Deshalb sollte Mitarbeiterbindung nicht erst dann beginnen, wenn jemand gehen möchte.
Sie beginnt im Alltag: durch Kommunikation, durch verlässliche Strukturen, durch Anerkennung, durch Entwicklungsmöglichkeiten und durch die Bereitschaft, Veränderungen wahrzunehmen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: „Warum hat sie gekündigt?“
Spannender ist:
Wann hat sie eigentlich angefangen, über eine Kündigung nachzudenken - und warum?
Wer diese Frage ehrlich untersucht, kann aus einer Kündigung deutlich mehr lernen als aus dem Kündigungsschreiben selbst und vielleicht verhindern, dass der nächste gute Mitarbeiter irgendwann dieselbe Entscheidung trifft.